Birthälm / Biertan / Berethalom

1395 fielen die Osmanen erstmals in Siebenbürgen ein. In der Folge entstanden die Wehrkirchen und Kirchenburgen als Gemeinschaftsbauten der Dorfbewohner. Zum Schutz vor der permanenten Bedrohung wurden um die Sakralbauten Mauern mit Wehrgängen, Schiess- und Gussscharten sowie Wehrtürme gelegt. Sie dienten der Selbstverteidigung der Dorfgemeinschaft und wuchsen im Lauf der Zeit mit dem Dorf zu einer baulichen Einheit. Nach dem 18. Jahrhundert verloren die Kirchenburgen ihre Funktion als Zufluchtsort.

Straßendorf
Der Marktort liegt in einem Seitental der Großen Kokel. Nach der Wahl des Birthälmer Pfarrers 1572 zum Superintendenten wurde der Ort für fast 300 Jahre Bischofssitz der Siebenbürger Sachsen. Das Weltkulturdenkmal – in diesen Rang hat es die UNESCO 1993 erhoben – spiegelt noch heute die Welt des siebenbürgischen Mittelalters. 1930 waren bei einer Gesamteinwohnerzahl 1.232 Deutsche, 1.039 Rumänen, 52 Ungarn und sechs Roma. 2011 lebten in Birthälm 2.590 Einwohner, davon waren 112 Deutsche.

Kirchenburg
Auf einem Hügel inmitten der Ortschaft erhebt sich die Kirchenburg, eindrucksvoll in ihrer Größe, Befestigung und Ausstattung. Die turmlose Hallenkirche (1500-1525) ist das Herz einer mächtigen Wehranlage mit dreifacher Ringmauer, sieben Türmen und drei Basteien.

Blick in den Chor
Die Ausstattung stammt aus dem 16. Jahrhundert. Bemerkenswert ist hier vor allem der Hauptaltar, welcher der Veit-Stoß-Schule zugeordnet wird. Die Ausstattung stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts: die Intarsien verzierte Tür, die Kanzel mit Steinreliefs, das Chorgestühl und anatolische Teppiche. Die Instandsetzungsarbeiten werden von der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung München, dem Kirchenbezirk Mediasch und dem Word Monuments Fund getragen.

Evangelische Kirche
Die turmlose Hallenkirche ist das Herz einer mächtigen Wehranlage: einer dreifachen Ringmauer mit Arkadenbögen, sieben Türmen, drei Basteien. Die Kirche entstand zwischen 1500 und 1525 als dreischiffige Hallenkirche mit einigen Glanzlichtern im Kircheninneren.

Flügelaltar Festtagsseite
Der Birthälmer Altar ist ein Flügelaltar mit Mittelschrein und zwei beweglichen Flügeln, zwei Standtafeln und mit beweglichen Flügeln der Predella. Er zählt mit seinen 28 Tafeln zu den Meisterwerken vorreformatorischer Tafelmalerei in Siebenbürgen. Die Forschung stellte fest, dass die Marientafeln der Festtagsseite von 1483 stammen und Triptychon, Predella, Gesprenge, vermutlich auch die Skulpturen des Mittelschreins von 1515.

Mittelschrein des Flügelaltars
Der Mittelschrein mit der Kreuzigungsgruppe wurde erst nachträglich eingebaut. Neben Christus am Kreuz, Maria und Johannes umklammert Maria Magdalena den Kreuzstamm.

Flügelaltar Werktagsseite
Auf der Werktagsseite sind Darstellungen von 17 Heiligen und Märtyrern dargestellt. Die Predella zeigt die heilige Sippe mit 25 Gliedern der Familie, die Außentafeln die heiligen Bischöfe: Augustinus, Ambrosius, Gregor und Hyeronimus, sowie auf dem Flügeln mehrere Heilige und Märtyrer. Das obere Tryptichon zeigt die Vision des Augustus, die Allegorie der Kreuzigung und die Vision des Ezechiel.

Grabplatten im Mausoleumsturm
Im Erdgeschoss des Mausoleumsturm wurden während der Restaurierung 1913 Grabsteine und Gedenktafeln der teils im Chor beigesetzten Bischöfe und Ortspfarrer an die Wände angebracht. Der älteste ist die Grabplatte der Plebanus Johannes, unter dessen Aufsicht der Neubau der heutigen Hallenkirche errichtet wurde. Ursprünglich war dieser Turm der Speckturm der Kirchenburg.

Pfarrgestühl
1514 fertigte der Schäßburger Schreinermeister Johannes Reychmuth das Pfarrgestühl mit 12 Sitzen und Baldachin. Gotisches Maßwerk und Intarsien verzieren die Stirn- und Seitenwände.

Wandgemälde im Katholischen Turm
Im Erdgeschoss des Katholischen Turms am inneren Bering befindet sich eine Kapelle, in der ein großer Teil der ursprünglichen Ausmalung erhalten geblieben ist. Auf den Fresken sind zu erkennen: die Verkündigung, die Anbetung der Heiligen Drei Könige, das Jüngste Gericht, das Weltgericht, Christus in der Mandorla, der Erzengel Michael, der Heilige Georg und die Heilige Ursula.

Die Ostbastei („Ehegefängnis“)
Im Südosten des inneren Berings steht zwischen dem Mausoleumsturm und dem Katholischen Turm die Ostbastei. In friedlichen Zeiten wurde sie vom Ortspfarrer zum Schauplatz des Ehezwistes bestimmt und Gefängnis genannt. Zerstrittene Eheleute wurden hier eingesperrt, in den Raum mit einem einzigen Bett, einen Tisch, Stuhl, Teller, Becher und Löffel, die sie so lange benutzen mussten, bis sie gelobten, sich wieder zu vertragen. Seit der Wende wurde in der Bastei ein kleines Heimatmuseum eingerichtet.

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Text: M. Rill, Fotos: G. Gerster, M. Rill, A. Kloos